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 AWO nah dran: Wie wollen wir wohnen – heute und in Zukunft?


20. März 2019

 

 „AWO nah dran: Wie wollen wir wohnen – heute und in Zukunft?“

Die neue Veranstaltungsreihe der AWO Weser-Ems startete mit dem Blick zurück – auf die hundertjährige Geschichte eines der größten Wohlfahrtsverbände Deutschlands. Im Mittelpunkt stand aber ein aktuelles soziales Problem: die wachsende Wohnungsnot. Drei Expert*innen präsentierten Möglichkeiten für mehr Wohnraum und menschengerechtes Wohnen – mit überraschenden und zukunftsweisenden Vorschlägen.

 

Die AWO hatte letzten Donnerstag, 14. März, ins Schlaue Haus Oldenburg eingeladen – und als Dr. Harald Groth, Vorsitzender des Bezirksverbandes Weser-Ems, um 18 Uhr die Veranstaltung eröffnete, war der Raum 1 fast zu klein für den Andrang des Publikums. Groth stellte die Ausstellung „Echt AWO. Seit 1919. Erfahrung für die Zukunft“ vor, die bis Mitte April an diesen Ort zu sehen ist. Und er unterstrich die Kontinuität seiner Organisation. Heute wie damals gelten für sie die Grundwerte Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Längst einer der sechs größten Wohlfahrtsverbände Deutschlands, ist die jetzige soziale Arbeit der AWO genau so wichtig wir ihr Wirken vor hundert Jahren oder zur Zeit der Neugründung 1945, so Groth. Er verdeutlichte dies an der zunehmenden Wohnungsnot, dem Hauptthema des Abends: „Ich erhoffe mir, dass die AWO mit dieser Veranstaltung Impulse gibt für eine kluge kommunale Wohnungsbaupolitik.“

Oldenburgs Bürgermeisterin Petra Averbeck (CDU) griff das auf und bestätigte in ihrem Grußwort: Ein Thema von großer Bedeutung, gerade für Oldenburg, das überproportional wachse und wo die Vermischung sozialer Schichten eine der Ziele der Stadtentwicklung sei.

„Wie wollen wir wohnen – heute und in Zukunft?“ So hatte der Bezirksverband Weser-Ems den Auftakt seiner neuen Veranstaltungsreihe „AWO nah dran“ überschrieben und dazu drei Expert*innen eingeladen. Sie gaben unterschiedliche Antworten, beschäftigten sich aber immer mit der Frage, wie hier und heute das Wohnen menschengerechter gestaltet werden kann. Auch und gerade für Ältere und diejenigen, die auf dem Wohnungsmarkt kaum noch Chancen haben.

Roswitha Harner (M. A.) war aus Wien angereist. Ihre soziale Einrichtung  neunerhaus ist an dem dortigen Projekt „Housing first“ beteiligt, ein sozialpolitisches Konzept für obdach- und wohnungslose Menschen, das seit einiger Zeit internationale Beachtung findet. Warum? Weil „Housing first“ „Wohnen zum Prinzip gemacht hat“, verdeutlichte Harner. Und das konsequent: Obdachlose haben die Möglichkeit, gleich zu Beginn der Betreuung eine Wohnung zu erhalten und nicht erst dann, wie sonst üblich, wenn bestimmte Vorbedingungen erfüllt sind. Die Referentin erstaunte die Zuhörer mit der überaus hohen Erfolgsquote des Projekts, die bei etwa 90 Prozent liege.

Auch Daniel Fuhrhop (Buchautor, Universität Oldenburg) überraschte. Mit einer nahezu provokanten Forderung: Verbietet das Bauen! Weil es nach seiner Meinung noch viel ungenutzten, sozusagen unsichtbaren Wohnraum gäbe. Zu entdecken in Wohnungen oder Häusern, wo nach dem Auszug der Kinder freie Flächen vorhanden sind. Fuhrhop führte unter anderem eine Umfrage aus Steinfurt bei Osnabrück an. Von knapp 400 älteren Menschen gab die Hälfte an, sie würden zwei Räume ihrer Wohnung nicht nutzen, bei einem Drittel waren es sogar drei Räume. Auf solchen Untersuchungen basiert „Wohnen für Hilfe“, bei dem etwa Studenten ihren Vermietern, zumeist ältere Menschen, Hilfeleistungen erbringen und dafür kostenlosen Wohnraum erhalten. DailfHils Modellprojekt ist bereits in mehreren Städten verwirklicht, nun sind auch in Oldenburg erste Gespräche mit dem AStA der Universität geführt worden.

Ebenfalls um Hilfen, wenn auch technischer Art, ging es bei den Ausführungen von Univ.-Professor Dr. habil. Uwe Fachinger (Universität Vechta, Institut für Gerontologie). Er informierte über Assistenzsysteme, die Menschen mit Unterstützungsbedarf mehr Lebensqualität in die eigene Wohnung bringen können. Fachkundig und anschaulich stellte er vor, was heute schon machbar ist – von Küchengeräten, die Informationen speichern und sich selbst steuern, bis hin zu „intelligenten“ Toiletten, die den Urin analysieren, den Blutzuckerwert ermitteln und die Daten an den behandelnden Arzt senden.

Es moderierte Kristin Hunfeld (Radio Bremen Zwei), die in der anschließenden Diskussion auch Fragen aus dem Publikum aufnahm und von den Referenten beantworten ließ. Sowohl der AWO-Vorsitzende Dr. Harald Groth als auch Bürgermeisterin Petra Averbeck betonten, dass vieles von dem, was an diesem Abend zu hören war, es verdiente, umgesetzt zu werden. Und sie waren sich einig, dass dies auch in Oldenburg der Fall sein würde. Eine Meinung, die bei den Zuhörern auf Zustimmung stieß.