AWO Weser-Ems fordert: Pauschaliertes Entgeltsystem in der Psychiatrie muss weg


11. Februar 2016

Eine erkrankte Psyche lässt sich nicht in Behandlungszeiträume pressen

Oldenburg. Wie lange darf ein schwer depressiver Mensch therapiert werden? Wie lange darf die Behandlung eines mit Suizidgedanken geplagten Menschen dauern? So kurz wie möglich – das ist die Hoffnung der betroffenen Patienten und deren Angehörige. Doch dessen gewiss sein, kann man nicht, auch nicht die behandelnden Ärzte und Psychologen. Eine erkrankte Psyche lässt sich nicht in zeitlich getaktete Behandlungsmuster pressen wie die durchschnittliche Dauer einer Knieoperation inklusive des Heilungsprozesses. Gleichwohl wird dieses mit einer pauschalen Vergütung in der Psychiatrie, die seit 2013 erprobt wird und PEPP-System heißt (Pauschaliertes Entgeltsystem in Psychiatrie und Psychotherapie), versucht. Ab Februar soll PEPP nun evaluiert und dann voraussichtlich verbindlich werden – analog zum pauschalierten Abrechnungsverfahren im Krankenhaus (DRG), so die Planungen im Bundesgesundheitsministerium. Dagegen wehren sich die Fachleute, weil sie massive Einschnitte für die Patientinnen und Patienten befürchten. Die SPD-Bundestagsfraktion hat sich ebenfalls gegen die gesamte PEPP-Systematik gestellt und fordert deren Abschaffung.

Dr. Harald Groth, Vorsitzender des AWO Bezirksverbandes Weser-Ems, warnt ausdrücklich vor den Pauschalen: „Psychisch erkrankte Menschen müssen derzeit schon unerträglich lange auf einen Facharzttermin oder einen Therapieplatz warten. Die Fallzahlen in den Kliniken sind von 2005 bis 2013 um 37 Prozent gestiegen. Wenn notwendige, aber langandauernde Klinikaufenthalte oder ambulante Behandlungen nicht mehr in Gänze refinanziert werden, weil mit zunehmender Dauer der Therapie die Entgelte für die Klinik sinken, dann wird sich dieses Problem noch mehr verschärfen. Kliniken werden bei im Voraus zu erahnenden schweren „Fällen“ mögliche Therapietermine nach hinten schieben, in der ambulanten Therapie wird es ähnlich sein“. Auch ein Drehtüreffekt sei zu befürchten, wenn Patientinnen und Patienten möglichst schnell entlassen werden, aber keine ausreichende Anzahl an ambulanten Therapieplätzen zur Verfügung steht. Die Gefahr, durch eine Verschlechterung der Erkrankung wieder stationär behandelt werden zu müssen, stiege rapide.

Eine weitere Gefahr für psychiatrisch erkrankte Menschen lauert in dem neuen System: Der Personalschlüssel für die Psychiatrie soll außer Kraft gesetzt werden. Die Fachverbände befürchten einen massiven Abbau an Arbeitsplätzen. Der Mangel an ambulanten und stationären Behandlungskapazitäten würde weiter steigen. „Das darf keinesfalls passieren. Insbesondere vor dem Hintergrund der durch schwer traumatisierte geflohene Menschen ansteigende Bedarf an Therapieplätzen würde dadurch konterkariert“, betont Dr. Harald Groth.

Die Fachverbände haben zwischenzeitlich ein Alternativkonzept entwickelt. Dieses Konzept orientiert sich an den Bedürfnissen psychisch erkrankter Menschen. Hierbei soll die Budgetfindung der einzelnen Krankenhäuser mit Hilfe lokaler Verhandlungspartner stattfinden. Unabhängige Expertenkommissionen ermitteln einen Patienten- und qualitätsorientierten Personalbedarf.