100 Jahre Frauenwahlrecht


12. November 2018

100 Jahre Frauenwahlrecht

Am 12. November 1918 trat das damals neue deutsche Wahlrecht in Kraft. Im Wortlaut hieß es: "Alle Wahlen zu Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und welblichen Personen zu vollziehen." Das entsprechende Gesetz wurde am 30. November 1918 unterzeichnet und galt als Grundlage für die ersten Wahlen der neuen Republik.
Vorausgegangen war ein langer Kampf der Frauen für ihre Rechte. Bereits im 18. Jahrhundert hatten Frauen das Wahlrecht eingefordert, allerdings durften sie in Preußen nicht politisch aktiv werden, denn es war verboten politischen Parteien beizutreten oder an Versammlungen teilzunehmen. Engagierte Frauen umgingen diese Verbote indem sie sich in Fürsorge- und Familienverbänden zusammentaten. Doch zwischen den einzelnen Verbänden herrschte Uneinigkeit über Ziele und Vorgehensweisen.

Bei der Reichsgründung im Jahr 1871 gingen Frauen leer aus - das Wahlrecht wurde ihnen nicht zuerkannt. In den folgenden Jahren nahm der Widerstand zu und mit der SPD setzte sich im Jahr 1891 erstmals eine Parteil für das allgemeine und gleiche Wahlrecht ein, das Frauen explizit berücksichtigte.

AWO Gründerin Marie Juchacz hält als erste Frau Rede in der Weimarer Nationalversammlung.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde das Wahlrecht für Frauen in die Weimarer Verfassung aufgenommen. Die ersten Wahlen zur Nationalversammlung, an denen sich Frauen beteiligen konnten, fanden im Januar 1919 statt.
Unter den 421 Abgeordneten, die gewählt wurden, waren allerdings nur 37 Frauen, was einer Quote von knapp 9 Prozent entspricht.
AWO Gründerin und Frauenrechtlerin Marie Juchacz war zusammen mit ihrer Schwester Elisabeth Kirschmann-Roehl in die Verfassungsgebende Versammlung der Weimarer Republik gewählt worden, wo Marie Juchacz im Verfassungsausschuss mitarbeitete.
Ihre berühmte Rede begann sie mit folgenden Worten: "Es ist das erste Mal, daß die Frau als freie und gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf." Tatsächlich setzte sich Juchacz dafür ein, dass beim Paragraphen 9 der Passus "Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte" stehen sollte und wandte sich vergebens dagegen, dass dieses Gleichheitsgebot durch die Einfügung von "grundsätzlich" eingeschränkt wurde.

Nazis schaffen das Frauenwahlrecht 1933 wieder ab.

Mit dem Ende der Weimarer Republik und dem Beginn der Nazidiktatur, wurde massiv in die Frauenrechte eingegriffen. Entsprechend der nationalsozialistischen Ideologoie, die Frauen auf die Rolle der Mutter reduzierte, kassierten die Nationalsozialisten das passive Wahlrecht für Frauen ein. Frauen sollten sich um die Familie kümmern und nicht um Politik. Während der Zeit der Nationalsozialisten wurden Frauenrechtler*innen diskriminiert, inhaftiert und getötet. AWO Gründerin Marie Juchacz musste aus Deutschland ins Exil in die USA fliehen. 

Mit der Gründung der Bundesregierung im Jahr 1949 wurden Frauen vollwertige politische Rechte zuerkannt. Doch erst im Jahr 1983 stieg der Frauenanteil im Bundestag auf das Niveau der weiblichen Abgeordneten im Reichstag während der Weimarer Republik. Heute liegt der Anteil von Frauen im Bundestag bei einem Drittel. So gilt auch heute noch das Zitat der Berliner Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831-1919):
"Glaube nicht, es muß so sein, weil es so ist und immer so war. Unmöglichkeiten sind Ausflüchte steriler Gehirne. Schaffe Möglichkeiten."

100 Jahre Frauenwahlrecht wird die AWO Weser-Ems in dieser Woche zum Anlass nehmen, um über mutige Frauen zu berichten, die sich für die Gleichberechtigung und das Wahlrecht eingesetzt haben und um zu schauen, wo wir heute stehen. 

Weitere Informationen:

https://www.awo.org/ueber-uns/awo-historie/personen/marie-juchacz

https://www.100-jahre-frauenwahlrecht.de/startseite.html